Bergpreis Drucken E-mail
Geschrieben von: Michael Schoch   
Lange war's sehr flach auf der Reise. Umso eindrücklicher nun das schnell ansteigende Gelände Richtung Norden. Entlang dem Gardasee brausen wir hoch Richtung Bozen. Keine Zeit für's Gardaland und für ein Bad im See. Das Wetter ist nur mittelmässig und der Berg ruft. Noch einmal schlafen und wir sind zurück in der Schweiz!

In Merano bei der Busgarage hat's Steckdosen so weit das Auge reicht. Doch wir werden von einem Chauffeur äusserst unfreundlich und mit grauenhaftem englischen Akzent abgewiesen. Der Chef ist leider im Mittag und weiter geht die Suche. Vis-à-vis die Meranarena, ein Eislaufzentrum mit einem freundlichen Cafe Betreiber. Ich muss auf der Chef Etage antreten und den offiziellen Charakter unserer Tour mit Flyern und Zeitungsartikeln unterstreichen. Dann ist der Herr überzeugt, nimmt meine Personalien auf und die TWIKE hängen am Strom direkt neben der Eisreinigungsmaschine (ebenfalls ein E-Mobil)!
Mit Schnee (vom Eisfeld) versuchen wir die Batterietemperatur niedrig zu halten. Für das Stilfserjoch werden wir heute nochmals nachladen müssen.



Auch hier legt sich das Eis während der Ladepause. Am Schluss holt der Chef seinen Fotoapparat im Büro und wir posieren für ihn auf dem Aussenplatz. Email Adressen werden ausgetauscht und wir verteilen Geschenke und Flyer.

Die Strasse steigt kräftig an. Durch ein langes Tal fahren wir Richtung Prato am Fuss des Passo Stelvio oder Stilfserjoch in Deutsch. Auf ungefähr 1000 m.ü.M. finden wir einen freundlichen Garagenbesitzer und die Batterien werden randvoll geladen für den bevorstehenden Aufstieg von 1800 Höhenmetern.



Im Schutz des Strassenbords gönnen wir uns eine Pizza. Auch für das Wohl der Piloten muss während den Ladepausen gesorgt werden.
Unsere Pässeerfahrung (Susten, Grimsel, Bernina, Gotthard, Lukmanier, San Bernardino, Brünig, Julier, Albula...) sagt, dass mit den herkömmlchen NiCd Batterien eine Höhendifferenz von 1200 Metern zu meistern ist. Wir haben zwar doppelt soviel Strom dabei, doch nun liegt ein Pass der besonders steilen Sorte vor uns. Die TWIKE sind voll beladen mit Reisegepäck, Kabeln, Ersatzteilen und Werkzeug. Unser Ehrgeiz und Stolz: Die ganze Reise ans Schwarze Meer fand ohne Begleitfahrzeug statt!

Los geht's! Die TWIKE sind voll und die Sonne verschwindet schon langsam hinter den Bergen. Vor uns eine Wand mit unzähligen Haarnadelkurven. In jeder Kurve ein Schild das uns die verbleibende Kurvenzahl anzeigt. Irgendwo bei 50 beginnts...




Was für eine wunderschöne Landschaft bei perfektem Wetter heisst uns da willkommen zurück in den Bergen! Die TWIKE sind kaum zu halten und auch wir drücken vor Freude kräftig auf die Hupe.

Die nummerierten Kurven mit Höhenangaben können einen Fahrradfahrer bestimmt zermürben. Doch für uns sind sie eine praktische Hilfe um die Energie einteilen zu können. Irgendwann wird klar, dass es problemlos reicht: Das Stilfserjoch-Rennen ist lanciert!



Heimlich haben Stephan und Matthias die Beschleunigung auf 25A gestellt und versuchen mich von hinten aufzuholen. Kurve um Kurve rücken sie ein wenig näher und pedalen wie die Verrückten. Mein Vorteil ist, dass ich in der Pole Position gestartet bin und alleine im TWIKE sitze. Es wird eng, die Passhöhe ist in Sicht und noch fehlen ein paar wenige Kurven. Zum Glück gibt's keine einzige lange Gerade, denn hier hätten die beiden den Vorteil der zusätzlichen Beschleunigung erst voll ausnützen können. Mit heissen Pneus und einer komfortablen Energiereserve erreicht das TW 090 als Sieger das Stilfserjoch auf 2758 m.ü.M.
War schon mal ein TWIKE so hoch?



Das Sonnenlicht reicht noch für das Pass-Foto. Die im Sonnenuntergang glühenden Berge und eine heisse Schokolade entschädigen für die Strapazen.

Wir wollen noch weiter. Beim Runterfahren werden die Batterien wieder geladen. Ein letztes Mal sorgen wir für Aufsehen an der Grenze und schaffen es, die italienischen Grenzwächter vom Fussballspiel in die kalte Nacht zu locken. Sie wollen zusehen wie das TWIKE losfährt und sind beeindruckt von unserer Reise.
Der Grenzübertritt in die Schweiz auf dem Umbrailpass ist weit weniger spektakulär. Ein geschlossenes Restaurant und kein Empfangskomite weit und breit. Umso spektakulärer dann die lange Talfahrt in der Nacht hinunter bis St.Maria.
Im Dunkeln stellen wir zum letzten mal unsere Zelte auf und die TWIKE werden mit teurem Zeltplatzstrom geladen. Uns bringt nach 5 Wochen reisen nichts mehr aus der Ruhe.

Am andern Morgen beim Einkaufen von Bündner Nusstorten merken wir, dass auch in der Schweiz dass TWIKE noch vielerorts unbekannt ist. Wir kommen kaum los und während ich noch am TWIKE erklären und Flyer verteilen bin, haben die Kollegen in TW 188 das Ofenpass-Rennen schon für sich entschieden.



Hinunter nach Zernez ins Engadin, hoch zum Malojapass und wieder steil runter ins Bergell (Kurzgefasst...). Während das TWIKE in Chiavenna (Italia) in einer Gärtnerei geladen wird, geben wir die letzten Euro aus für Glacé, Caffé und italienische Salami. Wir sind wieder unten auf 333 m.ü.M. und der bevorstehende Splügenpass hat mehr als 2100 Meter.



In Isola essen wir im Ristorante Cardinello wunderbare Pizzocceri in gemütlicher Athmosphäre. Auf 1200 Metern gelegen übrigens ein idealer Ladeort für TWIKE mit den herkömmlichen NiCd Akkus. Auch wir müssen ein TWIKE an den Strom hängen. Bei der Ladepause in Chiavenna ist nach der Halbzeit eine Sicherung rausgeflogen und so war das Fahrzeug von Thomas nur halb voll. Ich habe noch genügend Strom für Probefahrten mit den beiden Zwillingen. Schnell haben sie begriffen wie das TWIKE pilotiert wird und übernehmen den Joystick.



Gerade als wir den Espresso bestellen, starten die Italiener ein riesieges Feuerwerk. Es stellt sich dann heraus, dass es nicht nur wegen uns gezündet wurde ;-): Es ist Ferienbeginn in Italien (ferra agosto)!

Wir müssen los, denn um Mitternacht wird die Barriere am Splügenpass geschlossen. Um 5 vor 12 sind wir oben und überqueren bei gespenstischer Stimmung die Grenze.



Nebelfetzen umhüllen den Pass und im Scheinwerferlicht suchen wir den Weg hinunter nach Sufers.
Übernachten können wir zuhause bei Thomas und unseren Rücken auf seinen Gästematrazen einen Vorgeschmack auf das weiche Nest zu Hause geben.

Nach dem TWIKE-Höhenrekord, wollten wir auch noch wissen, was den an Distanz möglich ist. Auf der Challenge wurden die Batterien selten bis zum letzten Strömchen geleert und ausserdem waren wir meist mit 50 bis 60 km/h unterwegs (effizient aber nicht supersparsam).
Wir starten also für einen Distanzrekord. Kräftig pedalend schaffen wir's bis Thusis und die Batterien sind nach 25km immer noch voll. Weiter gehts nach Chur (die Piloten stärken sich im McDonald, die Batterien kriegen nichts) und bei starkem Regen entlang dem Rhein nach Landquart. In Gams nehmen wir die kräftige Gegensteigung nach Wildhaus, dafür geht's im Toggenburg tendenziell runter.
Irgendwann wird klar, dass wir's nicht bis nach Hause schaffen. Nach 158km laden wir beim McDonalds in Wil und haben somit trotz dem schlechten Wetter (Scheibenwischer, Licht, Rollwiderstand) einen Distanzrekord aufgestellt. Man bedenke, dass dies die effektiven Kilometer sind (alte TWIKE zeigen ca. 10% zuviel an, also sind's nach alter Anzeige mehr als 170km).

In einem Katzensprung sind wir dann zuhause und endlich wieder im gemütlichen Bett. Was für eine eindrückliche Reise! Unzählige Erlebnisse und Bilder die wir nie vergessen werden. Danke von ganzem Herzen allen Menschen die uns unterstützt haben. Merci allen treuen Tagebuch lesern. Unsere Begeisterung für das einzigartige TWIKE ist auf der Reise nur gewachsen und wir haben gespührt:

Das TWIKE ist die Zukunft!

In diesem Sinne

forward to the future - expand to the essential
 
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